Jurassic World München: Wenn der Raptor Männchen macht
Beim Besuch am 1. September macht schon das mächtige Eingangstor klar, worum es geht: nicht um ein Naturkundemuseum, sondern um den Schritt in die Welt der Kinofilme. Die Kulissen sind aufwendig gestaltet. Licht, Geräusche und tiefe Dramatöne aus den Wandlautsprechern erzeugen die passende Atmosphäre. Der Rundgang führt durch zehn aufeinanderfolgende Erlebniszonen und dauert nach Veranstalterangaben meist 45 bis 60 Minuten. Bis zum sogenannten Hammond-Labor funktioniert die Inszenierung besonders gut. Dort scheint kurzzeitig sogar Wissen über Dinosaurier und ihre Erforschung eine Rolle zu spielen. Danach verabschiedet sich die Ausstellung jedoch fast vollständig von jeder sachlichen Einordnung und konzentriert sich auf bekannte Figuren, Showeffekte und Fotomotive.
Spätestens beim Auftritt von Velociraptor Blue wird aus dem Rundgang eine Theaterszene. Hinter Gittern soll ein Trainer den gefährlichen Raptor unter Kontrolle halten. Er läuft durch den Käfig, gestikuliert energisch und spricht in sein Mikrofon, während ihm der Darsteller im Raptorenkostüm folgt. Die außergewöhnlich tiefe und professionelle Stimme kommt erkennbar vom Band. Das Playback ist allerdings präzise, die Lippenbewegungen passen besser zur Tonspur als bei mancher hochgelobten Synchronfassung eines amerikanischen Films. Auch der hierfür eingesetzte Lautsprecher funktioniert tadellos und überträgt die Stimme klar und druckvoll. Inhaltlich bleibt die Szene überschaubar: Der Trainer läuft voraus, Blue läuft hinterher. Welche besonderen Fähigkeiten der Raptor dabei zeigen soll, erschließt sich nicht. Von seiner filmischen Gefährlichkeit bleibt eine effektvoll gespielte Verfolgungsrunde hinter Gittern.
Während das Playback der Raptorenszene technisch einwandfrei funktioniert, zeigt die Sprachübertragung an den einzelnen Stationen ein völlig anderes Niveau. Die dort eingesetzten Aufsichten sprechen über Lautsprecher, deren krächzender Klang tatsächlich aus der Jurazeit stammen könnte. Ganze Sätze bleiben unverständlich. Gleichzeitig liefern die fest eingebauten Wandlautsprecher künstliche Dramatöne, die ankündigen sollen, dass gleich etwas Bedeutendes geschieht. Musik ist das nicht, sondern eine akustische Spannungskulisse. Das Problem liegt damit nicht an der gesamten Tontechnik der Ausstellung, sondern gezielt bei den Sprachverstärkern der Stationsaufsichten. Gerade deren Erklärungen und Anweisungen sollen das Publikum durch die streng getakteten Szenen führen. Wenn diese Informationen im Krächzen untergehen, helfen auch lebensgroße Dinosaurier und aufwendig gestaltete Kulissen nur begrenzt weiter. An anderer Station dürfen Besucher Baby-Dinosaurier Bumpy berühren, was bei Kindern und zahlreichen Erwachsenen für deutlich hörbare Begeisterung sorgt.
Trotz der technischen Schwächen funktioniert die Ausstellung für Familien mit jüngeren Kindern und eingefleischte Fans der Filmreihe. Lebensgroße Figuren, aufwendige Kulissen und zahlreiche Fotomotive sorgen für Unterhaltung. Inhaltlich bleibt die Experience jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Bemerkenswert ist der Vergleich mit dem ersten „Jurassic Park“-Film: Trotz aller Fiktion vermittelte dieser mehr Paläontologie als die Münchner Ausstellung. Ausgrabungen, Fossilien, Anatomie und die berühmte Raptorenkralle spielten dort zumindest eine erkennbare Rolle. In der Kleinen Olympiahalle verschwinden solche Ansätze weitgehend nach dem Hammond-Labor. Danach dominieren Kostüme, Dramatöne und kurze Spielszenen. Die Produktion behauptet zwar nicht, ein Naturkundemuseum zu sein. Einige verständliche und fachlich belastbare Informationen hätten dem Erlebnis trotzdem mehr Tiefe gegeben. So bleibt ein begehbarer Ableger des Film-Franchise, der optisch Eindruck macht, inhaltlich aber ohne Biss endet.
„Jurassic World – The Experience“ ist noch bis 16. September 2026 in der Kleinen Olympiahalle, Spiridon-Louis-Ring 21 im Münchner Olympiapark, zu sehen. Ein Rundgang dauert nach Angaben des Veranstalters gewöhnlich 45 bis 60 Minuten; eine feste Begrenzung der Aufenthaltszeit gibt es nicht. Tickets beginnen bei 23,90 Euro für Kinder und 29,90 Euro für Erwachsene. Angeboten werden außerdem Familien-, Gruppen-, Schul-, Senioren- und Studierendentarife. Veranstalter ist Semmel Exhibitions, produziert wurde das Erlebnis gemeinsam mit Universal Live Entertainment, NEON und Animax Designs. Wohin die Münchner Produktion anschließend weiterzieht, ist bislang nicht bekanntgegeben. Die internationale Ausstellung gastierte seit ihrer Premiere unter anderem in Köln, London, Paris, Madrid, Toronto, Seoul, Shanghai und Sydney. Aktuell nennt die globale Veranstaltungsseite neben München auch Bangkok, Mailand, Buenos Aires und Singapur als Standorte, aber keinen davon als bestätigte nächste Station der Münchner Produktion.